03.05.2018

Digitalisierung der Bildung für eine bessere Welt

In der Diskussion über den richtigen Weg in der Digitalisierung der Bildung hat sich mir in den letzten Monaten die Frage nach der Bedeutung von Krisen oder "krisenhaftem Zustand der Welt" für diese Diskussion intensiv gestellt. Das der Zustand der Welt nicht gut ist und es einen dringenden Veränderungsbedarf gibt, diesen Eindruck teilen inzwischen viele Menschen. Das Bildung - in einem umfassenden Sinn - damit etwas zu tun hat oder zu tun haben könnte ist für die meisten Menschen auch irgendwie plausibel. Und drittens ist es inzwischen auch deutlich, dass mit der Digitalisierung der Bildung nicht nur neue didaktisch-methodische Möglichkeiten gemeint sein können, sondern dass es im Zuge dieser Veränderung auch um Definitionen, Ziele und Inhalte dessen geht, was unter Bildung verstanden werden soll.

 

Hochschul-Bildung und die "Besserung der Welt"


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 Crisis what Crisis?
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Der Begriff der Bildung im Kontext der (deutschen) Hochschule ist fest mit der neuhumanistischen Bildungskonzeption verbunden. Daran schließt unter anderem die Frage an, ob und wie Bildung einen Anteil daran haben soll und haben kann, die menschlichen Verhältnisse insgesamt zu verbessern und zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch die letzten 200 Jahre und ist heute ebenso virulent. Beispielsweise entlang der Diskussionslinien um "Bildung" vs. "Kompetenz", wobei Kompetenz in der Regel als Gegenbild zur Bildung interpretiert wird und mit "Employabiltiy" und "Selbstoptimierung" als systemkonformen Bildungssurrogaten identifziert wird (vgl. A. Dörpinghaus in Forschung und Lehre). Aber auch die gesellschaftspolitisch neutralen bis affirmativen Haltungen, die in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs herrschen, bestärken den Eindruck, dass die kritisch-gesellschaftsgestaltende Kraft in den Reihen der akademischen Elite des Landes schwach ist. Das äußert sich unter anderem im Erschrecken darüber, dass populistisch-postfaktische Positionen Mehrheiten mobilisieren können und die damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Protestmärschen treiben. Auch in prominenten Diskussionsrunden beispielsweise anlässlich des Tags der Lehre am 16.04.2018 der Humboldt-Universität in Berlin wird das Fehlen der kritischen Einmischung aus der Universität heraus und dem Mangel visionärer Gestaltungskraft in der Universität selbst einmütig beklagt. Das kritische Behandlung der gesellschaftlichen Entwicklungen und Hinarbeiten auf die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse ein Anteil des Bildungsbegriffs ist, der nicht folgenlos herausoperiert / ignoriert werden kann, merkt man, wenn man sich das Gegenbild, nämlich einen jeder Utopie entsagenden Bildungsbegriff vor Augen führt: Es liefe auf die Zurichtung der Bevölkerung im Sinne der Aufrechterhaltung des Status Quo hinaus, eine Art kulturelles Klonen.
Angela Merkel Juli 2010 - 3zu4
„Viele Menschen empfinden, dass
die Welt aus den Fugen geraten ist“
(Angela Merkel auf dem
CDU-Parteitag im Dezember 2016)

In der Geschichte der Erziehungswissenschaft hingegen war und ist der utopisch-humane Anteil von Bildung ein zentrales Motiv. Für die kritische Erziehungswissenschaft geht es um eine Pädagogik,
"die nicht in der 'Besserung' des Zöglings, in der Perfektibilität des Edukandus ihr erstes und einziges Ziel erblickt, sondern deren Interesse über das gesellschaftliche Handeln des 'Zöglings' auf Zustand und Wandel ('Besserung') der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse gerichtet ist;..." (Schäfer & Schaller 1973. Kritische Erziehungswissenschaft. S. 9).

Digitalisierung der Bildung ist mehr als E-Learning

"Digitalisierung der Bildung" ist ein vielschichtiger Prozess. Es ist mehr als das, was wir unter "E-Learning" im Sinne von "technologiegestützter Lehre" bisher verstanden haben. Digitalisierung der Bildung umfasst die Organisation und Verwaltung von Bildung wie die Frage, welche Bildungsziele und Bildungsinhalte in einer digitalisierten Welt von Bedeutung sind. Für die akademische Bildung, bzw. Hochschulbildung ist die Digitalisierung der Bildung das Zusammenwirken von 1) automatisierten, softwaregestützten Verwaltungsprozessen ("Kernprozessen von Lehre und Studium"), 2) mit digitalen Werkzeugen unterstützter Lehre ("E-Learning") und 3) den Veränderungen die sich in den Fachwissenschaften in einer digitalisierten Welt ankündigen. Die Frage wie dieses Digitale Ökosystem gestaltet und in welche Richtung es sich insgesamt entwickeln soll ist keine Frage von Lehrgestaltung mehr, sondern von Hochschulstrategie. Daher werden sich die damit verknüpften Fragen auch nicht aus mediendidaktischer Perspektive alleine beantworten lassen sondern muss sich mit Bildungstheorie und Erziehungswissenschaft beraten. Von der bildungstheoretischen Position aus betrachtet erschließt sich die Diskussion um den richtigen Weg der Digitalisierung erst, wenn sie mit Bildungszielen verknüpft wird. Wir müssten beschreiben, mit welchen Ziel wir "Bildung digitalisieren" wollen und wir müssten dies in den Dimemsionen und Kategorien von Bildung beschreiben. 

Die Welt muss besser werden, wir müssen darin besser werden, die Welt zu verbessern

Die Welt ist in einem schlechten Zustand. Die permanente Krise scheint der Normalfall zu sein und in dieser Zustand der Schwebe zwischen Zuspitzung und Stagnation, zwischen "Heilung und Tod" führt zu Abstumpfung und dem Gefühl des Ausgebranntseins (so bspw. eine Analyse in der ZEIT). Man kann der Meinung sein, dass die Krisenhaftigkeit vor allem eine subjektives Phämomen ist, das sich in einer Zeit entgrenzter Berichterstattung vor allem  beim zu langen Schauen auf Displays jeder Art konstituiert. Andererseits sind aber auch gefühlte Krisen echte Krisen, die in der Welt wirkmächtig werden können. Weiterhin gibt es mindestens eine Krise, die echt aber kaum gefühlt ist und die durch Ignorieren und Abwarten nicht verschwindet: Der Klimawandel wird ohne Gegensteuern zu katastrophischen, menschen- und lebensfeindlichen Bedingungen führen und ist damit DIE Herausforderung für Menschheit - vielleicht der Punkt an dem sich Menschheit überhaupt erst formiert. Oder untergeht. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und das ungehemmte Auseinanderdriften der Verteilung der Lebenschancen und Lebensqualität bei gleichzeitiger Explosion technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse und Gestaltungsmöglichkeiten, diese offenbar fehlende Gestaltungsfähigkeit wirkt zutiefst frustrierend und höhlt die Glaubwürdigkeit und  Humanität gleichermaßen aus.

Digitale Bildung für eine bessere Welt!

Lisa Rosa schrieb 2016 über die Möglichkeit, andere Bildungsziele und digitale Bildung zusammen zu bringen: 
„Diese neuen Lernziele sind die neue Stufe des Humboldt, ein Humboldt 2.0 sozusagen – und wir müssen ihre Umsetzung als Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft einfordern und ihre Reduktion auf dieselbe ökonomische Verzweckung durch den Kapitalismus bekämpfen, die schon im 19. Jh. die Humboldtschen Vorstellungen ereilt hat. Dazu müssen wir zeigen, wie.“
Wir haben einerseits eine Tradition und eine Praxis des Bildungsbegriffs, der die Veränderung der Welt zu einem Besseren hin einschließt. Wir sind weiterhin im Kontext der Digitalisierung gefragt, technologische Innovation mit gesellschaftlicher Innovation zu verbinden, wenn wir für die digitalen Herausforderung auf gleicher Ebene Lösungen suchen: Bildungsberatung, Weiterbildung, Ausweitung von Informationskompetenz - das sind alles sinnvolle Maßnahmen, es braucht aber auch eine große Idee, um in dem Trubel der Veränderungen Kurs zu halten. Heute wurde hier auf der re:publika 2018 die digitale Transformation in ihren Auswirkungen mit der ersten industriellen Revolution verglichen, als eine die Menschen und ihre Verhältnisse umwerfende Erfahrung. Es geht darum die Chancen, die darin liegen, dass alles in Bewegung gerät, für nachhaltige, weitreichende und menschliche Entwicklung zu nutzen: Digitale Bildung für eine bessere Welt!

23.11.2017

Humboldt 2017: "Living next door to Wilhelm - Wilhelm? Who the f..."

Vier mal Humboldt

Teil 1: Der Universalhumboldt und Neuhumanist.


In diesen Monaten war oft die Sprache von der "Humboldt'schen Universitätskonzeption". Anlass dafür war einerseits das 250. Jubiläum seines Geburtstages am 22.07.1767, ein weiterer Grund dürfte die virulente Diskussion um die Zukunft der Hochschulen sein, auch und gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Und wenn es in Deutschland um die Gestaltung von Hochschulen geht, ist Humboldt 'next Door'. Außerdem beschäftigen wir uns im Zusammenhang mit einer Lehrveranstaltung in diesem Semester mit den ideengeschichtlichen Grundlagen der deutschen Universitäten. Und auch dort darf Humboldt natürlich nicht fehlen. Ich will ich versuchen, einige der Gedanken, die in diesem Zusammenhang auftauchen, hier in loser Folge festzuhalten. Im ersten Teil geht es um einen kleinen Überblick zur aktuellen Humboldt-Rezeption und das Neuhumanistische Bildungskonzept.

Der Universalhumboldt: Mit und gegen Humboldt für und gegen Innovation in der Hochschule?

Diejenigen, die sich auf Humboldt beziehen, machen das mit diversen Zielen: Heinz-Elmar TENORTH befindet als prinzipiell ungeklärt "ob (und wie) sich Humboldts Prinzipien aktualisieren lassen" und kritisiert daher die Inanspruchnahme Humboldt'scher Argumentation in der aktuellen Diskussion scharf:
"Doch erneut [!] ist er primär nur Abwehrformel gegen alle Zugriffe, ob lokal, national oder europäisch. Der Mythos lebt." 
Manuel J. HARTUNG macht in Humboldt ebenfalls einen mentalen Bremsklotz der Veränderung aus und meint "der Aufbruch [zu einer neuen Universität] kann gelingen [...] wenn man es schafft, den Hochschulmythos zurückzulassen." Josef JOFFE hingegen plädiert mit Bezug auf Humboldt für die Einführung eines Studium Generales in US-Prägung in Deutschland. Christoph MEINEL formuliert die These, dass mit Hilfe der Digitalisierung das Humboldt'sche Bildungs- (und Universitäts-?)Ideal heute einlösbar wäre. Markus DEIMANN hält dem entgegen, dass dieser (MEINEL) damit der "Sinnentleerung des Bildungsbegriffs" Vorschub leiste. In der Neuen Züricher Zeitung wurden die Gastkommentare von EULER und GSCHWEND sowie SEUFERT und VEY von der Redaktion mit der Feststellung eingeleitet, dass "die einen das Humboldt'sche Bildungideal wiederbeleben" wollen, die anderen hingegen sich von den "digitalen Medien einen Innovationsschub" erhoffen wobei unklar bleibt, wer hier wer sein soll. Der Name Wilhelm von Humboldt, soviel steht fest, scheint eine feste Orientierungsfunktion in der aktuellen Bildungsdebatte zu besitzen: Mit Humboldt für Innovation und Digitalisierung, für Innovation aber gegen Humboldt oder mit Humboldt gegen eine Reform der Universität. Humboldts Universitätsidee - sei es das historische Original oder dessen moderne Rekonstruktion - bildet eine feste Referenzgröße in der Hochschuldiskussion.
Der Universalhumboldt
Warum das so ist und warum bspw. Theoretiker und Reformatoren wie Niethammer und Schleiermacher weniger oft benannt werden liegt vermutlich an der dreifachen Rolle die W. v. Humboldt ausgefüllt hat:
  1. Er war Bildungstheoretiker des erwachenden Bürgertums (der historische Humboldt), 
  2. er war strategisch begabter, pragmatisch handelnder Bildungsreformer (der Bildungspolitiker und - stratege) und 
  3. er diente seit Beginn des 20. Jahrhundert als Schutzheiliger für eine spezifische Universitätskonzeption, wie sie insbesondere in Deutschland Erfolg hatte (die Konstruktion der "Humboldtschen Universitätsidee"). 
Vielleicht ist es diese Triade die Humboldt so zeitlos, universell und facettenreich referenzierbar macht. Alle drei Aspekte des Phänomens "Humboldt" müssen aber in den Blick genommen werden, wenn man sich der Frage annähern will, was Humboldt uns heute bedeuten kann.

Der historische Humboldt, die neuhumanistische Bildungskonzeption

Die Bewegung der "jungen Menschen" am Ende des Absolutismus: Neuhumanismus

Die Bildungsbewegung die sich zum Ausgang des 18. Jahrhunderts unter den "jungen Menschen" (H. NOHL) der intellektuellen Elite in Deutschland entwickelte, verfolgte eine Neubestimmung des eigenen Standortes als "bürgerlicher Adel" in einer Gesellschaft im Umbruch. Die Fahrt aufnehmende Industrialisierung, der allmähliche Aufstieg der Naturwissenschaften und die Inthronisation der Vernunft als Kriterium und Werkzeug der Wahrheitsfindung, bildeten den Hintergrund für einen neuen Bildungsbegriff, wie er durch Niethammer, Humboldt, Schleiermacher und anderen entwickelt und formuliert wurde und dessen Kernsatz lautete, Bildung sei die wahre Zweckbestimmung des Menschen.
Der Neuhumanismus war aber auch eine Antwort auf die entschlossene Reformpolitik der deutschen Fürsten und Könige. Die "Revolutionen von oben" sollte zu einer umfassenden Modernisierung führen, den Wirtschaftsstandort sichern und die deutschen Staaten wettbewerbsfähig mit den internationalen Playern (allem voran England, Frankreich und USA) machen. Die Neuhumanistische Auffassung wollte hier gegensteuern und den wirkungsmächtigem rationalistisch-utiliaristischen Bildungsbegriff der Aufklärung um eine utopisch-humanistische Entwicklungsperspektive erweitern.

Der neuhumanistische Bildungsbegriff: Ganzheitlich, individuell, offen, prozessorientiert, weltzugewandt. 

 

Der historische Humboldt
Mit der neuhumanistischen Bildungskonzeption rückte der und die Einzelne als Subjekt der Bildung in den Vordergrund: "Die Vielfalt der Konkretisierung der Vernunft verweisen auf die Individualiät als allgemeiner Eigenschaft der Menschen" (BLANKERTZ). Die Stossrichtung dieses Bildungsbegriffs richtete sich einerseits gegen die utilaristische, begriffs- und vernunftfixierte Verwertungslogik des aufgeklärten Staates, grenzte sich aber auch vom abstrakt-formalen, religös verwurzelten Schulhumanismus des 18. Jahrhunderts ab. Bildung sollte sich sich nicht in der Zurichtung auf "berufliche Handlungsfähigkeit" erschöpfen, sondern appellierte an die Rolle und Verantwortung der Einzelnen für den Fortschritt in Gesellschaft und Staat - an die Entwicklung der Persönlichkeit. Die Entwicklung der individuellen Kräfte und Vermögen aller Menschen war das Ziel, was einschloss, dass auch im Bildungsgang zu Handwerker*in, Bergwerksingenieur*in oder Jurist*in das ganze Potential der Bildung in Anschlag gebracht werden sollte, um als Mensch und Bürger an der Verbesserung seiner selbst und der Menschheit mitwirken zu können. Es war in gewissem Sinne naheliegend, den Movens für den gesellschaftlichen Fortschritt in die Individuen zu verlagern angesichts der politischen Stagnation in Reich und Bund, in dem eine gesellschaftliche Umwälzung wie sie in England, Amerika und Frankreich in den zurückliegenden 100 Jahren stattgefunden hatte, nicht in Sicht war. Die "Trennung von Bildung und gesellschaftlicher Wirklichkeit" (BLANKERTZ) war jedoch auch dazu geeignet das Entstehen gesellschaftlicher Reformbewegungen zu hemmen. "Bildung" im Neuhumanistischen Sinne war ein aus der Perspektive des Individuums zu denkender, unabschließbarer, offener, "unendlicher" Prozess, dessen Inhalt alle denkbaren Gegenstände der Welt sein konnten und der dazu diente, die Entfaltung der individuellen "Kräfte und Vermögen" zu ermöglichen. Damit war in Kauf genommen, das die Ergebnisse des Bildungsprozesses nicht vollständig vorhersagbar sind: Soll Bildung dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, kann sie sich nicht darauf beschränken, dass Bestehende zu vermitteln, "so würde dadurch nichts anderes geleistet werden als dieses, die Unvollkommenheit würde verewigt und durchaus keine Verbesserung herbeigeführt werden" (SCHLEIERMACHER zitiert in BENNER). In dieser Dialektik von "Bewahren" und "Verbessern" ist dami, so SCHLEIERMACHER auch "vielerlei Gefährliches" eingeschlossen, schließlich weiß man nicht, ob der Jugend nicht einfällt "auf die gefährlichste Weise" in das Bestehende einzugreifen.
Hinsichtlich der Art und Weise, wie Bildung statt finden soll formulierte wiederum HUMBOLDT ein modern anmutendes Programm von Bildung durch Auseinandersetzung mit der Welt; "diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung." (HUMBOLDT). Die Wechselwirkung zwischen Ich und Welt ist der Anstoss zur Entwicklung "Was also der Mensch nothwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbstthätigkeit möglich mache." (Ebd.) Die Vielfalt der Gegenstände trifft auf die Vielfalt der menschlichen Fähigkeiten, die Gegenstände der Welt "bald als Begriff des Verstandes, bald als Bild der Einbildungskraft, bald als Anschauung der Sinne" zu sehen. Dieses weltzugewandte, situierte und mutlimodale Bildungsprogramm wurde durch in den Bildungsreformen des 19. Jahrhunderts nie realisiert, sie bildeten aber eine prominente Referenz für die Konzepte humaner Pädagogik der kommenden Jahrhunderte.

Neuhumansimus: Ehrwürdiges Ideal oder ein "außer Thesen nix gewesen"? 


"Digitaler Neuhumanismus" klingt im Gegensatz zu „Digitaler Bildung“ ziemlich schräg. Das mag daran liegen, dass die Vorstellung, man könne 200 Jahre alte Bildungsideen aus dem originalen Kontext lösen und in den heutigen Kontext einsetzen ohne das sich deren Bedeutung grundlegend ändert einem lächerlich erscheint. Kernbegriffe wie „Mensch“, „Bildung“, „Vernunft“ und „Staat“ lassen sich nur noch rekonstruktiv und spekulativ in ihrer gemeinten Bedeutung erfassen. Man kann jedoch abklopfen, ob und wie die Prämissen, Kernkonzepte und Visionen der Neuhumanisten mit heutigem Bedeutungsvokabular reformulieren lassen und heuristisch prüfen, ob solche Rekonstruktionen eingermaßen sinnvolle Aussagen erzeugen.
So scheint mir beispielsweise eine kollektiv getragene, wirkungsvolle Bewegung für Erneuerung der Bildung und der Bildungsinstitutionen heute nicht sichtbar - die Diskussionen und Handlungsstränge für eine  "andere Bildung" scheinen eher multidimensional und pluralistisch bis widersprüchlich, auch in den Fachcommunities, den Publikationen und den Konferenzen.

Gefühlte Dringlichkeit oder nur "Revolution von Oben"?

Irgendwie scheint es so zu sein, dass zwar ein Gefühl der Dringlichkeit für grundlegende Reformen vorhanden ist, aber Was mit welchen Ziel verfolgt werden soll scheint schwer zu fassen. Als "Revolution von Oben" wird die Digitalisierung der Bildung - durchaus verstanden als eine ganzheitliche, inhaltlich-didaktisch-technische Gestaltungsaufgabe - vorangetrieben, und noch nicht vorhandener Sinn wird mit Nachdruck hergestellt.
Ewige Baustelle Humboldt
Das beinhaltet aber die Gefahr, dass der Begriff "Digitalisierung" eine bildungsbezogene Zielbestimmung in den Hintergrund drängt. Abstrakte bildungsbezogene Kriterien wie "Handlungsfähigkeit", "Haltung und Wertorientierung" oder "globale Verantwortung" bedürfen einer Konkretisierung im Hinblick auf auf ihren Zweck: "Handlungsfähig werden um für soziale Gerechtigkeit einzutreten.", "Haltung zeigen, um meine Interessen im Job zu wahren." sind Bildungsziele. Der historische Kniff von Humboldt war es, "Bildung" als Ziel und Mittel der menschlichen Bestimmung zugleich zu setzen. Das war möglich aufgrund einer anthropologischen Diktums, das die abstrakte "Bildbarkeit" und "Entfaltung aller Kräfte" jenseits der konkreten Ausgestaltung als "wahre" Zweckbestimmung des Menschen gesetzt werden konnte. Mit Digitalisierung klappt das aber nicht, sie kann Mittel sein aber sie kann nicht Ziel sein. Sonst verkümmern Bildungsziele zu einem "Add-On" der Digitalisierung: Zwar werden sie für unverzichtbar erklärt, sie haben aber kein über die Digitlisierung hinausweisendes Ziel: "Digitale Handlungsfähigkeit", "Haltung und Wertorientierung für die Gestaltung der digitalen Medien", "Bewußtsein für die globalen Wirkungen medialen Handelns" klingen zwar wie notwendige, bildungsgesättigte Zielformulierungen aber ihr Inhalt im Hinblick auf Bildungsziele tendiert gegen Null.

Die Frage "Wozu Digitalisierung?" ist also keine Frage mürrischer Technologiehasser*innen sondern muss beantwortet werden, wenn die Begründung der Digitalisierung nicht "frei drehen" soll. Ansätze dazu gibt es auch im Neuhumanismus, Ideen wie der Umgang mit Offenheit und Unbestimmtheit in der Bildung, die Situiertheit und Weltzugewandtheit des Lernens besitzen eine zeitlose Aktualität für neue Bildungsimpulse.

27.08.2017

Hochschule und Digitalisierung: Was wird in den kommenden fünf Jahren wichtig?

"Welche Themen werden im Zuge der Digitalisierung aus Ihrer Sicht in den nächsten 5 Jahren einen großen Einfluss auf Hochschulen haben?" hatte das Hochschulforum Digitalisierung gefragt. Um diese Frage zu beantworten, musste ich für mich selber gedanklich ein wenig ausholen. Und weil ich mich gerade öfter mal an Visualisierungen versuche habe ich den Post auch mit "graphischen Elementen" angereichert.

 

Hochschulen differenzieren sich aus und existieren in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Am wahrscheinlichsten ist daher eine "Politik der kleinen Schritte"


TEICHLER hatte 2002 fünf Bereiche benannt, in denen er Prognosemöglichkeiten für die Hochschulentwicklung ausgemacht hatte
  1. Expansion der Bildungsbeteiligung, 
  2. Differenzierung der Hochschullandschaft, 
  3. Steuerungsprobleme in der Organisation der Hochschule, 
  4. Internationalisierung des Hochschulwesens und 
  5. Komplexitätszunahme in der Hochschulorganisation. 

15 Jahre später kann man  feststellen, dass a) diese Palette der Megatrends nach wie vor gültig ist und b) neue Anforderungen hinzugekommen sind, beispielsweise
  • der Ruf nach Kulturwandel und Erneuerung der Lehre (vgl. Wissenschaftsrat 2017), 
  • die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft (vgl. ENQA 2015),
  • die Stärkung demokratischer und humaner Werte (vgl. Oliver Reis auf der dghd-Tagung 2017), 
  • die Bewältigung der Folgen von nationalen Abgrenzungspolitiken, Migrationsbewegungen nach Zentraleuropa und neue Gewalttätigkeit (vgl. einen Blick in Zeitungen und Nachrichten). 
  • Und natürlich die Digitalisierung, die mit neuer Dringlichkeit "von ganz oben" thematisiert wird.
Wenn ich versuche, diese Phänomene hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Hochschulen auf einen Nenner zu bringen, scheint mir die „Differenzierung“ das allgemeine Bewegungsmuster zu sein. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auf die diversen, drängenden und stellenweise existentiellen Herausforderungen an die Hochschulen die vielen unterschiedlichen Ausgangslagen und Zielsetzungen zu verschiedenen Bewältigungsstrategien und Handlungsperspektiven führen werden. Damit eng verbunden dürfte ein Zustand sein, der sich in Zeiten beschleunigten Wandels (wann war der eigentlich mal langsam?) und im Hinblick auf komplexe, schwer steuerbare Einheiten ebenfalls eine normale Reaktion sein dürfte: Verunsicherung. Daraus dürfte eine Minderung der Risikobereitschaft folgen und im wahrscheinlichesten Fall eine Strategie der "kleinen Schritte".





Wie verbreiten sich technologische Neuerungen? Das Diffusionsmodell nach ROGERS


Um die Verbreitung technologischer Innovationen besser zu verstehen sind zwei Modelle hilfreich: Die "Diffusion von Innovationen" nach ROGERS und der "Hype-Cycle technologischer Innovationen" nach FENN (auch als "Gartner-Hype-Cycle" bekannt).

Nach ROGERs teilen sich die Akteure bei der Verbreitung technologischer Neuerungen in zwei gleiche Hälften: Die ersten 50% beinhalten die "Early Adopters" und die "Early Majority" also die "Innovator*innen" und diejenigen, die in den Neuerungen einen Nutzen für sich erkennen können, wobei sie mit einer gewissen Risikobereitschaft ausgestattet sind, die auf dem Vertrauen auf die innovativen

14.08.2017

Workshop: Perspektiven der Vernetzung von E-Portfolio-Akteuren im deutschsprachigen Raum



Workshop des German Chapter Europortfolio-Projekts: Perspektiven der Vernetzung von E-Portfolio-Akteuren im deutschsprachigen Raum im Rahmen der der Fachtagung "Bildungsräume 2017"

Datum: Dienstag, den 05.09.2017
Uhrzeit: 17:30 - 19:00 Uhr
Ort : TU Chemnitz, Str. der Nationen 62, 09111 Chemnitz

Im Dezember 2014 haben sich E-Portfolio-Anwender*innen, Forscher*innen und Interessierte im German Chapter der Europortfolio-Initiative vernetzt (#europortfolioDE). Im rund 150 Mitglieder umfassenden Netzwerk werden Fragen der Anwendung und Weiterentwicklung von E-Portfolios in Schule, Hochschule sowie Erwachsenen-/Weiterbildung diskutiert. Dank dieser kontinuierlichen Arbeit haben sich wertvolle Vernetzungen auf persönlicher und institutioneller Ebene bilden können. Wir sehen das German Chapter des Europortfolio-Projekts nach zweieinhalb Jahren kontinuierlicher Arbeit aber auch an einem Punkt, an dem wir über die weiteren Perspektiven nachdenken sollten: Einerseits hat sich die Community über den regionalen Länderkontext hin ausgeweitet, andererseits haben sich auch die Konzepte und Praktiken der Portfolio-Arbeit und angrenzender Gebiete (Open Badges, Personal Learning Environments) weiterentwickelt. Wir möchten im Rahmen der Fachtagung "Bildungsräume 2017" (http://bildungsraeume2017.de) von GMW und GI die Gelegenheit nutzen, in einem größeren Kreis von Interessierten mögliche Entwicklungsperspektiven der Vernetzung von E-Portfolio-Akteuren zu diskutieren.

Die Teilnahme am Workshop beinhaltet nicht die Teilnahme an den Fachtagungen! Den Überblick über das Gesamtprogramm findet Ihr hier.


01.07.2017

Elektronische Prüfungen - die Zeit ist reif, die Organisation nicht?

Die Verwendung von Computern für die Abwicklung von Prüfungen findet immer mehr Verbreitung in den Hochschulen, in Veröffentlichungen und auf Tagungen ist das Thema präsent. Interessant ist das Thema aber auch deshalb, weil sich daran zeigen lässt, wie sich Digitalisierung in der Bildung entwickelt und wo sie an Grenzen des Systems stösst. 


Samstagmorgen 09:40 Uhr. Die Mitarbeiterin aus dem Zentrum für Sprachen und Schlüsselkompetenzen sagt noch einmal "Good Luck on your Test" und die "Elektronische Eignungsprüfung" im Fach Anglistik beginnt. Jetzt ist für die nächsten eineinhalb Stunden fast nur noch leises Mausklicken und Tastaturgeklapper zu hören. Im vierten Jahr führen wir jetzt an der Universität Potsam diese Form der Eignungsprüfung durch und mit jedem Jahr wurde der Prozess reibungsloser und einfacher. Heute werden zwei mal im Jahr Eignungsprüfungen mit jeweils fast 200 Teilnehmer*innen in zwei aufeinanderfolgenden Durchgängen in zwei Poolräumen des Instituts für Informatik durch.

Es ist wichtig zu zeigen, dass etwas funktioniert - auch wenn es nicht optimal ist

Das eigentliche Testsystems hatten wir dabei eigentlich relativ schnell im Griff: Ein separates Standard-Moodle als, die Konfiguration, dass dieses System nur aus dem Uni-Netz erreichbar ist, plus manuelle Steuerung, dass die Tests vor und nach der Prüfung nicht erreichbar sind haben bisher noch keine Sicherheitslücken aufgetan. Im Rahmen einer Bachelorarbeit wurden die Grundkonfiguration und die ersten Durchgänge entwickelt und begleitet.

Bundesarchiv Bild 102-11344, Intelligenzprüfung schulentlassener Mädchen
Prüfung 1931 (Bundesarchiv)
Trotz stattgefundener Modernisierung ist aber beispielsweise die Vorbereitung der Poolräume mit hohem Aufwand verbunden. Einerseits müssen die Pools hard- und softwareseitig aktuell gehalten werden, andererseits müssen die Mitarbeiter*innen bereits sein, diese zusätzlichen Aufgaben zu übernehmen - denn eigentlich handelt es sich hier ja nicht um Räume, die für Tests vorgesehen sind. Nervig ist daher immer noch, dass wir die Rechner vor jeder Prüfung manuell hochfahren, Betriebssystem und Browser in Gang setzen und die Startseite für die Prüfung eintippen müssen. In Zukunft soll auch dies automatisiet werden, was auch diesen Teil des Prozesses für alle vereinfachen wird. Nicht