25.11.2018

Learning in Digital World - und in einer neuen Hochschule

Am vergangenen Donnerstag war ich Gast auf dem QPL-Workshop „Praxis trifft Forschung – Learning in a Digital World“ zu dem das Frankfurter Projekt "Starker Start" eingeladen hatte und auf dem "Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte" und "fachspezifischer Transfer in die Lehrpraxis" zum Thema Digitalisierung der Hochschulbildung im Mittelpunkt standen. Die wichtigste Botschaft, die ich aber aus dem Tag mitnehme ist, das wir "Hochschule neu denken" müssen. Neben den Workshops zum „Data Enhanced Learning" mit von Prof. Dr. Marcus Specht (Delft) und zur "digitalen Lehre in den Geisteswissenschaften und Jura 2030" die durch Prof. Dr. Barbara Wolbring (Frankfurt a.M.) moderiert wurde, war es vor allem die Keynote von Prof. Dr. Susanne Weissman die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die ganze Keynote kann im aufgezeichneten Livestream ab Minute 35:00 betrachtet werden.
Susanne Weissmann ist Vizepräsidentin an der TH Nürnberg Georg Simon Ohm und in dieser Funktion verantworlich für Personalentwicklung und Weiterbildung sowie Hochschulentwicklung und die Digitalisierungsstrategie. Einen weiteren Eindruck von Prof. Dr. Weissmann bekommt man in dem Videobeitrag für den Stifterverband "Wie Digitalisierung die Hochschulen verändert" Sehr angenehm finde ich Frau Weissmanns Herangehen, beispielhaft zum Mentalitätswandel der Net-Generation: Das ist einerseits informiert und von wissenschaftlichen Positionen getragen, aber vor allem scheint es ihr darum zu gehen, überhaupt erst mal besser zu begreifen, was eigentlich mit den Menschen in der Digitalisierung geschieht. Und zwar ohne einerseits die Dynamik zu verkennen, die jede Erkenntnis als vorläufige umwerten kann und ohne sich andererseits sich zu einem Urteil zwingen zu lassen, weil wir uns ja doch nach einem Fundament für unser Handeln sehnen. Die zentrale Position von Frau Weissman war aber für mich:
Die Strukturen der Hochschule sind für das digitale Zeitalter ("vielleicht") nicht mehr zeitgemäß. Kluge Köpfe und kluge Menschen müssen sich die Frage stellen, wie Veränderung und Gestaltung der Hochschule "als Ganzes" in Angriff genommen werden kann. Dies ist die mentale Neuausrichtung, zu der wir gezwungen seien, um die notwendige Reform der Hochschulen in Bewegung zu bringen, welche zwar die "umwerfenden" (B. Böhning) Auswirkungen der Digitalisierung anerkennt aber trotzdem "nicht vom Fleck kommt", sich "verheddert" und mit "operativen Problemen" zu kämpfen habe.
Eine schöne Metapher für die aktuelle Gleichzeitigkeit aus Modernisierung (des Medieneinsatzes) und Perpetuierung der (traditionellen) Lehr-/Lernkonzepte ist das von Frau Weissman angeführte "Blended Learning" als "bequeme Antwort" auf Digitalisierung: Man spricht von der Kombination der Stärken der beiden Ansätze, im Prinzip bleibt aber allzu oft das Lehrkonzept im Kern nicht angetastet. Die Selbststudienphasen werden medial aufgepeppt, die Methoden und das Vorgehen in der Präsenz ändert sich nicht. Man kann dieses Logik weiter führen: "Learning Management System", "Vorlesungsaufzeichnung" und "E-Prüfungen" lassen sich ebenfalls unter Beibehaltung des bisherigen, jetzt medial modernisierten, Lehr-/Lernarrangements nutzen. Im übrigen ein sattsam bekanntes Phänomen an dem sich bereits Kohorten von Medien-/Bildungswissenschaftler*innen abgearbeitet haben.

Wir müssen Hochschulen nicht "digitalisieren" sondern neu denken, um die Herausforderungen einer digitalisierten Welt zu bewältigen

Meine allererste Reaktion auf die Forderung "Hochschule ganz neu denken" war übrigens der Gedanke "Aha, mit dem E-Learning und dem Neuen Lehren & Lernen hat es nicht so geklappt, dann fordern wir jetzt mal 'Alles muss sich ändern'?" Hochschule ganz neu denken! Wo kann eine solche Diskussion geführt werden, wer ist bereit diese zu führen? Wer in einer führenden Position in einer Hochschule ist bereit, solche Prozesse zu wagen?
 
Lässt man es sich weiter durch den Kopf gehen, bekommt es allerdings immer mehr Sinn. Digitalisierung ist ohne organisatorischen Wandel nicht möglich, Wandel kann nicht ohne Veränderung in den Köpfen stattfinden. Die "Neukonfiguration der Strukturen" ist nicht nur die wichtigste Organisationsaufgabe der Hochschulen für eine digitale Welt, sondern sie wird durch Digitalisierung auch möglich. Allerdings: "Neue Formen" lassen sich nicht ohne einen neuen Inhalt denken. Es wäre auch notwendig die Ziele der Hochschulbildung in den Blick zu nehmen. Und ich denke, dass dies auch die sich langsam verbreitende Erkenntnis sein wird: Wir sprechen von der Digitalisierung als die Bedingung, die - zusammen mit anderen Entwicklungen - die Institutionen der Bildung zur Veränderung herausfordert.

03.10.2018

„Hochschulbildung mit digitalen Medien“ – welcher Bildungsbegriff sollte damit verbunden werden?

Digitalisierung ist mehr als E-Learning. Sie ändert nicht nur das Medium von Vermittlung und Kommunikation sondern ist mit der Transformation der ganzen (Bildungs-)Welt verbunden. Dieser tiefgreifende Wandel verschränkt und befindet sich in Wechselwirkung mit weiteren Kennzeichen der heutigen Situation: Globalisierung, Neoliberalismus und die Notwendkeit nachhaltiger Entwicklung konstituieren zusammen mit der digitalen Transformation eine Situation, die nach einem aktualisierten Bildungsbegriff und Erneuerung der Bildungsinstitutionen verlangt.  Ein Beitrag zur zur #GMWdebatte


Mit dem Begriff E-Learning verband sich in der Vergangenheit für mich vor allem die Frage, wie digitale, vernetzte Medien sinnvoll in die Gestaltung von Lehr-/Lernarrangements eingebunden werden. Diese Frage war immer damit verbunden, wie diese Einbindung zur Erhöhung der Qualität von Bildung beitragen könnte, Forschung und theoretische Durchdringung zielten darauf ab, besser zu verstehen, wie dieses Ziel zu erreichen ist.
In diesem Sinne bilden die digitalen Medien "nur" veränderte Randbedingungen und Werkzeuge für die Realisierung von Lehr-/Lernszenarien in einer ansonsten davon nicht angefassten Bildungslandschaft. Verbleiben wir bei diesem Begriff von Medien, ist die Eingangsfrage nach dem Bildungsbegriff relativ leicht beantwortet: Die Bestimmungen, Ziele und Praktiken der Bildung bleiben wesentlich die gleichen. Und dann müssen die Bestimmungen von Bildung (im Hochschulkontext), wie "Wissenschaftlichkeit", "Kritikfähigkeit" und "Verantwortung" daraufhin befragt werden, wie sie an veränderte Anforderungen in einer global vernetzten, digitalisierten Welt angepasst werden. Die Diskussion um die Berufsbilder in einer automatisierten Welt ist ein Teil dieser Diskussion. Das ist nicht falsch, zeigt aber meiner Meinung nach noch nicht das ganze Bild.
Es gibt noch eine weitere Bestimmung für die "Hochschulbildung mit digitalen Medien", eine Dimension, die dieses Verständnis ergänzen sollte und damit verändert: Werner Sesink hat dies das "Medium der Medien" genannt, Dirk Baecker fasst dies mit Luhmann'scher Diktion als "Leitmedienwechsel" ,bei Marshall McLuhan und Felix Stalder wird es als "Gutenberg-Galaxis" gekennzeichnet, deren Grenzen wir jetzt erreichen. Es gibt sicher noch mehr Bestimmungen, die diesen Prozess so oder ähnlich beschreiben.

Wissenskathedralen?
Diese Analysen beinhalten, dass der Begriff "Bildung" in der Tiefe mit den gesellschaftlich verfügbaren, dominanten medialen Vermittlungsformen korrespondiert. Es konturiert sich hiermit ein Prozess vor unseren Augen, der gar nicht so brandneu und disruptiv ist, sondern mit der Entwicklung der Moderne (westlicher Prägung) einhergeht: Die - wieder nach Sesink - "Umkehrung der Schreibrichtung" von Wirklichkeit und der sich auf diese beziehende Kommunikation. Wir "sind" nicht mehr nur in der Welt, sondern wir "machen" Welt. Das geschieht nicht nur, aber sehr wesentlich auch durch den Mediengebrauch (die wir btw. auch wieder "selbst" erschaffen), das "Anthropozän". Das uns dieser Prozess heute so deutlich und mächtig vor Augen steht liegt vielleicht am "Fisch-Wasser"-Phänomen (vgl. David Foster Wallace: "Das ist Wasser"), Damit ist die Schwierigkeit gemeint, dasjenige Medium wahrzunehmen in dem Erleben und Wahrnehmung vollständig eingebettet sind.
Das lenkt die Aufmerksamkeit auf das "Neue", auf Digitalisierung als Kennzeichen einer Epoche, die vielleicht am Ende gar nicht mehr so benannt werden wird (Ich frage mich, ob die Menschen im 19. Jahrhundert ihre Zeit als "Industrialisierung" wahrgenommen haben?). Was Digitalisierung ausmacht, welche Neuerungen und Verschiebungen damit einhergehen und wie wir gestaltend darauf einwirken können, sind die großen nur in Ansätzen beantworteten Fragen. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Situation, in der sich die ökonomischen und machtpolitischen Widersprüche in der Welt zuspitzen und die mit der alles überschattenden Aufgabe konfrontiert ist, eine Lebensweise zu entwickeln, die den Planeten nicht bis zur Unbewohnbarkeit vernutzt. Der Begriff der "Bildung" wird dadurch quasi von zwei Seiten aus in Frage gestellt:
  • Erstens gilt es, die Inhalte und Ziele von Bildung so zu formulieren, dass sie menschliche Entwicklung wirklich unterstützt. Ich interpretiere bspw. auch den Weltbildungsbericht der OECD dahingehend, dass es nicht mehr nur um ein "mehr" an Bildung gehen darf, sondern auch um eine qualitative Weiterentwicklung der Bildung (vgl. UNESCO 2016: "Bildung für Mensch und Erde. Eine nachhaltige Zukunft für alle schaffen." ). Aus meiner Sicht bilden die "vier C's", wie sie aus den Überlegungen zum "21th century learning" heraus formuliert wurden, bei aller Kritik gute Eckpunkte, die Diskussion um Inhalt und Form von Bildung zu aktualisieren: Communikation, Collaboration, Creativity und Critical Thinking können wirkungsvolle Leitgedanken für eine Erneuerung Bildung werden.
Lernen für die Zukunft
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  • Zweitens ist es notwendig, die innere Struktur des Bildungsbegriffs mit den Gegebenheiten der heutigen Welt in Einklang zu bringen. Dem - vor allem in Hochschulen stets als Referenz anwesenden - klassischen, (neu)humanistischen Begriff der Bildung ist die Entwickungsfähigkeit, Selbstverantwortung und das Lebensrecht des Menschen immer auch inhärent gewesen. Vieles davon ist mit den Grundgedanken von Kompetenzentwicklung, Kritik- und Reflexionsfähigkeit, lebenslangen Lernen und Orientierungsfähigkeit aktualisiert worden. Auch mit dem "Shift from Teaching to Learning" sowie "Lernendenorientierung" bzw. "Lernendenzentrierung" werden Sinnhaftigkeit und Einklang mit Lebensinteressen zu Orientierungspunkten von Bildung und Lernen. Hier würde es meines Erachtens nach darum gehen müssen, diese Bestimmungen nicht nur als bildungsphilosophisches Statement zu (re)formulieren, sondern deren Bedeutung für die eine humane Bildung in einer digitalisierten Welt herauszuarbeiten. 


03.05.2018

Digitalisierung der Bildung für eine bessere Welt

In der Diskussion über den richtigen Weg in der Digitalisierung der Bildung hat sich mir in den letzten Monaten die Frage nach der Bedeutung von Krisen oder "krisenhaftem Zustand der Welt" für diese Diskussion intensiv gestellt. Das der Zustand der Welt nicht gut ist und es einen dringenden Veränderungsbedarf gibt, diesen Eindruck teilen inzwischen viele Menschen. Das Bildung - in einem umfassenden Sinn - damit etwas zu tun hat oder zu tun haben könnte ist für die meisten Menschen auch irgendwie plausibel. Und drittens ist es inzwischen auch deutlich, dass mit der Digitalisierung der Bildung nicht nur neue didaktisch-methodische Möglichkeiten gemeint sein können, sondern dass es im Zuge dieser Veränderung auch um Definitionen, Ziele und Inhalte dessen geht, was unter Bildung verstanden werden soll.

 

Hochschul-Bildung und die "Besserung der Welt"


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 Crisis what Crisis?
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Der Begriff der Bildung im Kontext der (deutschen) Hochschule ist fest mit der neuhumanistischen Bildungskonzeption verbunden. Daran schließt unter anderem die Frage an, ob und wie Bildung einen Anteil daran haben soll und haben kann, die menschlichen Verhältnisse insgesamt zu verbessern und zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch die letzten 200 Jahre und ist heute ebenso virulent. Beispielsweise entlang der Diskussionslinien um "Bildung" vs. "Kompetenz", wobei Kompetenz in der Regel als Gegenbild zur Bildung interpretiert wird und mit "Employabiltiy" und "Selbstoptimierung" als systemkonformen Bildungssurrogaten identifziert wird (vgl. A. Dörpinghaus in Forschung und Lehre). Aber auch die gesellschaftspolitisch neutralen bis affirmativen Haltungen, die in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs herrschen, bestärken den Eindruck, dass die kritisch-gesellschaftsgestaltende Kraft in den Reihen der akademischen Elite des Landes schwach ist. Das äußert sich unter anderem im Erschrecken darüber, dass populistisch-postfaktische Positionen Mehrheiten mobilisieren können und die damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Protestmärschen treiben. Auch in prominenten Diskussionsrunden beispielsweise anlässlich des Tags der Lehre am 16.04.2018 der Humboldt-Universität in Berlin wird das Fehlen der kritischen Einmischung aus der Universität heraus und dem Mangel visionärer Gestaltungskraft in der Universität selbst einmütig beklagt. Das kritische

23.11.2017

Humboldt 2017: "Living next door to Wilhelm - Wilhelm? Who the f..."

Vier mal Humboldt

Teil 1: Der Universalhumboldt und Neuhumanist.


In diesen Monaten war oft die Sprache von der "Humboldt'schen Universitätskonzeption". Anlass dafür war einerseits das 250. Jubiläum seines Geburtstages am 22.07.1767, ein weiterer Grund dürfte die virulente Diskussion um die Zukunft der Hochschulen sein, auch und gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Und wenn es in Deutschland um die Gestaltung von Hochschulen geht, ist Humboldt 'next Door'. Außerdem beschäftigen wir uns im Zusammenhang mit einer Lehrveranstaltung in diesem Semester mit den ideengeschichtlichen Grundlagen der deutschen Universitäten. Und auch dort darf Humboldt natürlich nicht fehlen. Ich will ich versuchen, einige der Gedanken, die in diesem Zusammenhang auftauchen, hier in loser Folge festzuhalten. Im ersten Teil geht es um einen kleinen Überblick zur aktuellen Humboldt-Rezeption und das Neuhumanistische Bildungskonzept.

Der Universalhumboldt: Mit und gegen Humboldt für und gegen Innovation in der Hochschule?

Diejenigen, die sich auf Humboldt beziehen, machen das mit diversen Zielen: Heinz-Elmar TENORTH befindet als prinzipiell ungeklärt "ob (und wie) sich Humboldts Prinzipien aktualisieren lassen" und kritisiert daher die Inanspruchnahme Humboldt'scher Argumentation in der aktuellen Diskussion scharf:
"Doch erneut [!] ist er primär nur Abwehrformel gegen alle Zugriffe, ob lokal, national oder europäisch. Der Mythos lebt." 
Manuel J. HARTUNG macht in Humboldt ebenfalls einen mentalen Bremsklotz der Veränderung aus und meint "der Aufbruch [zu einer neuen Universität] kann gelingen [...] wenn man es schafft, den Hochschulmythos zurückzulassen." Josef JOFFE hingegen plädiert mit Bezug auf Humboldt für die Einführung eines Studium Generales in US-Prägung in Deutschland. Christoph MEINEL formuliert die These, dass mit Hilfe der Digitalisierung das Humboldt'sche Bildungs- (und Universitäts-?)Ideal heute einlösbar wäre. Markus DEIMANN hält dem entgegen, dass dieser (MEINEL) damit der "Sinnentleerung des Bildungsbegriffs" Vorschub leiste. In der Neuen Züricher Zeitung wurden die Gastkommentare von EULER und GSCHWEND sowie SEUFERT und VEY von der Redaktion mit der Feststellung eingeleitet, dass "die einen das Humboldt'sche Bildungideal wiederbeleben" wollen, die anderen hingegen sich von den "digitalen Medien einen Innovationsschub" erhoffen wobei unklar bleibt, wer hier wer sein soll. Der Name Wilhelm von Humboldt, soviel steht fest, scheint eine feste Orientierungsfunktion in der aktuellen Bildungsdebatte zu besitzen: Mit Humboldt für Innovation und Digitalisierung, für Innovation aber gegen Humboldt oder mit Humboldt gegen eine Reform der Universität. Humboldts Universitätsidee - sei es das historische Original oder dessen moderne Rekonstruktion - bildet eine feste Referenzgröße in der Hochschuldiskussion.
Der Universalhumboldt
Warum das so ist und warum bspw. Theoretiker und Reformatoren wie Niethammer und Schleiermacher weniger oft benannt werden liegt vermutlich an der dreifachen Rolle die W. v. Humboldt ausgefüllt hat:
  1. Er war Bildungstheoretiker des erwachenden Bürgertums (der historische Humboldt), 
  2. er war strategisch begabter, pragmatisch handelnder Bildungsreformer (der Bildungspolitiker und - stratege) und 
  3. er diente seit Beginn des 20. Jahrhundert als Schutzheiliger für eine spezifische Universitätskonzeption, wie sie insbesondere in Deutschland Erfolg hatte (die Konstruktion der "Humboldtschen Universitätsidee"). 

27.08.2017

Hochschule und Digitalisierung: Was wird in den kommenden fünf Jahren wichtig?

"Welche Themen werden im Zuge der Digitalisierung aus Ihrer Sicht in den nächsten 5 Jahren einen großen Einfluss auf Hochschulen haben?" hatte das Hochschulforum Digitalisierung gefragt. Um diese Frage zu beantworten, musste ich für mich selber gedanklich ein wenig ausholen. Und weil ich mich gerade öfter mal an Visualisierungen versuche habe ich den Post auch mit "graphischen Elementen" angereichert.

 

Hochschulen differenzieren sich aus und existieren in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Am wahrscheinlichsten ist daher eine "Politik der kleinen Schritte"


TEICHLER hatte 2002 fünf Bereiche benannt, in denen er Prognosemöglichkeiten für die Hochschulentwicklung ausgemacht hatte
  1. Expansion der Bildungsbeteiligung, 
  2. Differenzierung der Hochschullandschaft, 
  3. Steuerungsprobleme in der Organisation der Hochschule, 
  4. Internationalisierung des Hochschulwesens und 
  5. Komplexitätszunahme in der Hochschulorganisation. 

15 Jahre später kann man  feststellen, dass a) diese Palette der Megatrends nach wie vor gültig ist und b) neue Anforderungen hinzugekommen sind, beispielsweise
  • der Ruf nach Kulturwandel und Erneuerung der Lehre (vgl. Wissenschaftsrat 2017), 
  • die zunehmende Heterogenität der Studierendenschaft (vgl. ENQA 2015),
  • die Stärkung demokratischer und humaner Werte (vgl. Oliver Reis auf der dghd-Tagung 2017), 
  • die Bewältigung der Folgen von nationalen Abgrenzungspolitiken, Migrationsbewegungen nach Zentraleuropa und neue Gewalttätigkeit (vgl. einen Blick in Zeitungen und Nachrichten). 
  • Und natürlich die Digitalisierung, die mit neuer Dringlichkeit "von ganz oben" thematisiert wird.
Wenn ich versuche, diese Phänomene hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Hochschulen auf einen Nenner zu bringen, scheint mir die „Differenzierung“ das allgemeine Bewegungsmuster zu sein. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auf die diversen, drängenden und stellenweise existentiellen Herausforderungen an die Hochschulen die vielen unterschiedlichen Ausgangslagen und Zielsetzungen zu verschiedenen Bewältigungsstrategien und Handlungsperspektiven führen werden. Damit eng verbunden dürfte ein Zustand sein, der sich in Zeiten beschleunigten Wandels (wann war der eigentlich mal langsam?) und im Hinblick auf komplexe, schwer steuerbare Einheiten ebenfalls eine normale Reaktion sein dürfte: Verunsicherung. Daraus dürfte eine Minderung der Risikobereitschaft folgen und im wahrscheinlichesten Fall eine Strategie der "kleinen Schritte".





Wie verbreiten sich technologische Neuerungen? Das Diffusionsmodell nach ROGERS


Um die Verbreitung technologischer Innovationen besser zu verstehen sind zwei Modelle hilfreich: Die "Diffusion von Innovationen" nach ROGERS und der "Hype-Cycle technologischer Innovationen" nach FENN (auch als "Gartner-Hype-Cycle" bekannt).

Nach ROGERs teilen sich die Akteure bei der Verbreitung technologischer Neuerungen in zwei gleiche Hälften: Die ersten 50% beinhalten die "Early Adopters" und die "Early Majority" also die "Innovator*innen" und diejenigen, die in den Neuerungen einen Nutzen für sich erkennen können, wobei sie mit einer gewissen Risikobereitschaft ausgestattet sind, die auf dem Vertrauen auf die innovativen